Tagebuch

Hamburg, 28. Dezember 2015
Eine Leserin bat mich, die Liste mit meinen zehn europäischen Lieblingsorten mit Links und Tipps auf diese Seite zu stellen – das will ich hiermit gerne tun! Seitdem ich die Texte auf der Facebookseite veröffentlicht habe, ist noch ein neuer Lieblingsort dazugekommen, also sind es jetzt sogar elf! :) Ich wünsche euch viel Freude beim Stöbern!
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Lieblingsort Nr 1: ISTANBUL
– wie könnte es auch anders sein? ;) Über die Stadt muss ich nicht viel sagen, steht ja alles im Roman. Fragt einfach nur nach Can Ocak, und ihr werdet die erstaunlichsten Dinge erleben!!! Aber im Ernst: Istanbul ist riesengroß und in jedem Teil dieser europäisch-asiatischen Metropole tut sich eine neue Welt auf. Wer nur ein Wochenende Zeit hat, dem empfehle ich das Side-Hotel in Sultanahmet. Es ist günstig (35 € für ein Doppelzimmer im vergangenen Jahr) und die Leute dort sind ausgesprochen nett. Die Pension hat eine Dachterrasse mit Blick auf die Hagia Sophia und die Blaue Moschee. Hier hat übrigens auch Isabel genächtigt…
Wer mehr Zeit mitbringt, sollte das Viertel wechseln, um einen anderen Blick auf die Stadt zu bekommen, und zum Beispiel nach Beyoglu gehen. Dort kann ich das Grand Hotel de Londres empfehlen. Dekadenter Charme der 30er Jahre, im Foyer ein mehrsprachiger Papagei. Um das Hotel herum, in den Seitenstraßen der Istiklal Caddesi gibt es unglaublich viele Musikclubs. Für alle, die Live-Musik lieben und gerne tanzen gehen, ist das ideal.
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Lieblingsort Nr. 2: CORNWALL. In diese Region habe ich mich verliebt, bevor ich überhaupt da war. Cornwall und ich, das war jahrzehntelang so eine Art Fernbeziehung mit viel Sehnsucht und Träumereien. Als Teenager habe ich die Romane von Daphne du Maurier verschlungen – nicht nur, weil sie die genialen literarischen Vorlagen für die Hitchcock-Filme „Rebecca“ und „Die Vögel“ geliefert hat. Sondern, weil sie so unglaublich gut erzählt. Vor drei Jahren bin ich dann endlich auf den Spuren ihrer Romane gereist. Von Menabilly (das Anwesen mit dem dazugehörigen Strand ist der Schauplatz von „Rebecca“) über Ferryside (dem Feriendomizil ihrer Eltern und Du-Maurier-Wallfahrtsort) bis hin zum nördlichen Cornwall (Schauplatz des Strandräuberromans „Jamaica Inn“). Dazwischen sehr lebendige englische Pubs, wilde Steilküste, Palmen und Dörfer wie aus einem sehr romantischen Film. Beste Unterkunft (ebenfalls wildromantisch!): Housel Bay. Beste Romane zum Lesen während der Reise: The House on the Strand (Ein Tropfen Zeit), Jamaica Inn, Frenchman´s Creek (Die Bucht des Franzosen). Was soll ich sagen? Diese Liebe hat ein Happy End!
Lieblingsort Nr. 3 ist Hamburg. Die blaue Perle des Nordens, das Wasserparadies. Elbe, Alster, Kanäle und Fleete – man braucht sich kaum vom Fleck zu bewegen, schon ist wieder ein neues Stück Wasser da. Eine gute Möglichkeit, um Hamburgern sehr nah zu kommen: ein Zimmer in einer Privatunterkunft über www.9flats.combuchen. Bester und buntester Stadtteil: Ottensen.
Lieblingsort Nr. 4: die Bretagne, insbesondere die Westküste mit ihren Klippen und dem wilden Meer (la Pointe du Raz ist grandios!!). Am besten mit dem Auto erkunden und an verschiedenen Orten schlafen, zum Beispiel über AirBnB. So haben wir es jedenfalls gemacht und dabei die unterschiedlichsten Menschen kennengelernt: jung, alt, verschroben, freundlich… alles dabei. Unglaublich schöne Zeit!
Lieblingsort Nr. 5: VULCANO. Hier hatte ich zwar mal den peinlichsten Pizzeriabesuch aller Zeiten, aber das tut der Schönheit dieser liparischen Insel ja keinen Abbruch. Wie der Name schon sagt, ist diese Insel nördlich von Sizilien vulkanischen Ursprungs. Schwefel brodelt aus unterseeischen Quellen an die Wasseroberfläche, was den Vorteil hat, dass man da schon im März baden kann (ist halt immer schön warm), aber den Nachteil, dass man hinterher riecht wie frisch der Hölle entkommen. Und genau das müssen die Gäste der Pizzeria über mich gedacht haben, als ich mit Schwefelklumpen im Haar eines Abends dort essen wollte. Natürlich hatte ich eigentlich vorher duschen wollen, aber gerade als ich unter der Brause stand, wurde in meiner Pension das Wasser abgestellt… Also, Vulcano: schön, wild und abenteuerlich!
Gute und günstige Übernachtungsmöglichkeit in Hafennähe und mit Blick auf den Krater ist das Eden Park.
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Lieblingsort Nr. 6: LYON. Soooo viele Jahre bin ich auf dem Weg in die Provence an dieser Stadt vorbeigefahren, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Asche auf mein Haupt! Lyon ist ein bisschen wie Paris, nur entspannter und mit einem Fluss mehr. Im Vieux Lyon gibt es wunderschöne Plätze mit Restaurants und Cafés, zwischen der beeindruckend großen Place Bellecour und der Place Carnot kann man herrlich schlendern, und dann gibt es noch ein echt sehenswertes Kunstmuseum in einer Benediktiner-Abtei. Lieblingsspeiseplatz: Le bistrot à tartines. Hier sieht es aus wie in einem französischen Dorfladen der zwanziger Jahre, es gibt selbstgeschmierte Brote und leckeren Kuchen. Empfehlenswertes Hotel: Le Phenix.
Lieblingsort Nr. 7: SAMOTHRAKI. Die Entdeckung dieser griechischen Insel habe ich meiner Freundin Karen zu verdanken. Als ich ihre wunderbaren Fotografien gesehen habe, wusste ich: diese jahrhundertealten Bäume will ich auch sehen, die Wasserfälle, diese mit eiskaltem Wasser gefüllten Felsen im Wald, in denen man baden kann, diese antiken Tempelanlagen. Bester Ort: Therma. Von hier aus kann man auf den Fengari, den Mondberg, wandern, hinunter zum Kiesstrand gehen oder in den Wald hinein. Anreise über Thessaloniki, dann die Fähre nach Kamariotissa auf Samothraki nehmen. Sehr schöne Unterkunft: Das Mariva Hotel.
Lieblingsort Nr. 8: SOGNEFJORD. In Norwegen habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Stille gehört. Ich habe in einer Hütte geschlafen, die mir ein norwegischer Freund überlassen hatte. Die Hütte stand auf einer winzigen Insel, die wiederum lag in einem See, der wiederum auf einem Berg stand, und der erhob sich über einem riesigen Wald. Das Wasser des Sees war sehr dunkel und kalt, und die Hütte roch nach warmem Kiefernholz. In Norwegen gibt es Landschaften, die so schön sind, dass man sie mit Worten kaum beschreiben kann. Am Sognefjord war ich sprachlos.
Lieblingsort Nr. 9: TARIFA. Lieblingsmomente an diesem südlichsten Ort Spaniens: am Strand sitzen und zusehen, wie sich zwischen Marokko und mir die Wellen auftürmen. Mich hineinwerfen in diese Wellen. Durch die Altstadt schlendern und den arabisch-andalusischen Stilmix bewundern. Guter Ort, um interessante Leute kennenzulernen: der Waschsalon mit angeschlossenem Internetcafé Laundry Tarifa . Entzückendes und günstiges Hotel in der Altstadt: Pension Correo.
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Lieblingsort Nr. 9: PARIS. Ich weiß, es ist so ein Klischee: Die Stadt der Liebe, oft besucht, bunt verfilmt. Aber Paris verändert sich rasant – wer mal ein paar Monate nicht da war, ist gleich wieder überrascht! Derzeitige Lieblingsplätze: das „Faust“ am Fuße der Pont Alexandre 3, eine Art Beach Club, nur am Quai. (Also eine Art Quai-Club). Die Läden im 9. Arrondissement, südlich von Montmartre. Hier geht es weniger touristisch zu als im ehemaligen Künstlerviertel. Viele vegetarische und Bio-Restaurants haben hier eröffnet wie z.B. Le Pain Quotidien oder die Rose Bakery. Totales Paris-Feeling: hoch oben neben Sacré Coeur ein Glas Wein trinken und in die Stadtebene hinunterschauen. Oder auf dem Dach des Centre Georges Pompidou einen Café trinken. Schönes, kleines Hotel, von dem aus man prächtig starten kann: Das Hotel des Arts in Montmartre. Beste Joggingstrecke: vom Eiffelturm am Seine-Ufer entlang zur Pont Alexandre 3 und wieder zurück. Bei normalem Lauftempo braucht man ca. 40 Minuten dafür. Schönste Buchhandlung: Shakespeare and Company.
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Lieblingsort Nr. 10: DUBROVNIK. Weil es Spaß macht. über die glattpolierten Steine zu rutschen in die kroatische Vergangenheit hinein. Überall ist hier Geschichte: Paläste aus der Zeit der Stadtrepublik, eine Kathedrale, enge, überwucherte Treppen. Am schönsten ist es hier am frühen Morgen, um möglichst allein mit der Stadt zu sein. Über Airbnb lässt sich hier gut eine Privatunterkunft finden, am allerbesten natürlich mit Dachterrasse. Und dann mit der Seilbahn den Berg hinauffahren und das Meergeglitzer angucken und überlegen, auf welche Insel man später vom Hafen aus fährt. Oder einen Spaziergang auf der Stadtmauer machen. Tolles vegetarisches Restaurant mit frischen, selbstgemachten Gerichten: Das Nishta.

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Hamburg, 12. August 2015
Es gibt Zeiten, da möchte ich alles auf einmal tun: tanzen, reisen, schreiben, mich in den Raum hinausdehnen, etwas bis dato Unbekanntes, unfassbar Neues tun. Wie kann man nur so viel wollen und nur diese wenigen Lebensjahrzehnte Luft dafür haben? Es gibt Zeiten, da möchte ich ewig sein.
Mein Allerneustes ist die Ukulele. Probe gespielt und mich schockverliebt. Ukulele klingt nach Hawaii, nach Leichtigkeit, nach: nicht so ernst nehmen. Wird schon. Nach tanzen, reisen, Neues tun.
Neulich hörte ich jemanden sagen, die Ukulele sei der Underdog der Musikinstrumente. Ich lasse mich mitziehen von ihm.

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Urlaub im Krisenland: „Es wird etwas Großes geschehen.“
(Text vom 25.08.2012, aus gegebenem Anlass)

Sie hacken einem das Brot fast aus den Händen. Und sie fliegen so dicht an uns vorüber, dass wir jede Feder erkennen können. Während der gesamten Überfahrt von Alexandropolis nach Samothraki über das ägäische Meer lassen sich die Möwen füttern und fotografieren, ein sommerliches Motiv, weiß vor türkis. Hunderte von ihnen umflattern kreischend unsere Fähre, in einem Hitchcock-Film hätte man jetzt Angst. Endlich taucht die Insel auf mit ihren grün bewaldeten Bergen, ihren Stränden, einer Tempelanlage aus dem 4. vorchristlichen Jahrhundert und einem Erdbeerbaumwald. Wir sind in Griechenland, einem Stück Europa, in dem es brodelt, aber bei unserer Ankunft sehen wir das noch nicht.
Vom Fischerdorf Kamariotissa nehmen wir den Bus nach Therma, einer winzigen Ortschaft im Norden der Insel. Der Busfahrer spielt einen unsauber eingestellten Radiosender in voller Lautstärke, Schlagerschnulzen wechseln mit Werbung ab. Es ist dunkel, als wir Therma erreichen. Flutlichter strahlen Stände mit Schmuck und Büchern an, griechische Hippies sitzen im Kafenion an der Hauptstraße , die hangaufwärts führt. Wir mieten uns bei Rula und Alexandros ein, die ein Haus mit Blick aufs Meer besitzen. Seit ihrer Pensionierung verbringt das Ehepaar aus Athen die Hälfte des Jahres auf der Insel. Während der Urlaubssaison, die hier nur sechs Wochen dauert, vermieten sie Zimmer an Touristen, den Rest der Zeit haben sie das große Haus mit dem Garten für sich allein. Alexandros bringt uns einen Teller mit Mirabellen und Feigen aus dem Garten, aber er schüttelt lächelnd den Kopf, als ich ihn frage, ob ich auch mit Kreditkarte zahlen kann. „Only cash.“
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Spät abends gehen wir in die Taverne mit der größten Terrasse im Ort und bestellen Moussaka, griechischen Salat und einen Teller Mangold. Auch Valantis, dem die Taverne gehört, akzeptiert nur Barzahlung, dabei gibt es nicht einmal einen Geldautomaten im Ort. Früher hat Valantis in der Nähe von Stuttgart gelebt, wie fast alle Bewohner von Samothraki, um für Mercedes und Siemens zu arbeiten. Er spricht Deutsch mit deutlich schwäbischem Akzent. Seinem Sohn habe er geraten, wieder nach Deutschland zurückzugehen. „Hia wirsch ja bled, gell“, kommentiert er die Lage in Griechenland.
Die Regierung in Athen bezweifelt, dass Gewerbetreibende ihre Einnahmen so versteuern, wie sie es sollten. Darum hat sie im September 2011 die Grundsteuer erhöht. Wer wie Rula und Alexandros ein Haus besitzt oder eine Taverne wie Valantis, sollte die Grundsteuer zusammen mit der monatlichen Stromrechnung entrichten, andernfalls werde der Strom abgestellt. Der Pakt zwischen Staat und dem staatlichen Strommonopolisten PPC hat gerade einmal zwei Monate gedauert, dann entschied Griechenlands oberstes Verwaltungsgericht, PPC dürfe säumigen Zahlern nicht den Strom abdrehen. Doch die Abgaben auf Eigentum bleiben. Dass es auf diese Weise schwieriger geworden ist, seine Einkünfte am Fiskus vorbeizuschmuggeln, bestätigt uns auch Trifon, ein 33-jähriger Buchhändler aus Thessaloniki, der die Urlaubssaison auf Samothraki nutzt, weil er hofft, hier mehr Bücher verkaufen zu können. Wer ein Auto besitzt, werde ebenfalls höher eingestuft, erklärt er. Seinen Wagen hat er deshalb abgemeldet, doch auch so würden ihm die Steuern das Genick brechen. „Ich bezahle doppelt so hohe Steuern wie vor der Krise. Aber ich verdiene nicht mal mehr die Hälfte. Die Leute kaufen einfach keine Bücher mehr.“ Seine Freundin, die in Thessaloniki eine Apotheke führt, profitiere hingegen von der augenblicklichen Situation, sagt Trifon, der Konsum von Beruhigungsmitteln und Psychopharmaka habe stark zugenommen. Trifon streicht sich seine dunklen Locken hinter die Ohren. „Hast du gehört, wie viele Leute sich in unserem Land umgebracht haben, allein in den letzten Monaten?“ Als ich nicke, sieht er mich mit zusammengekniffenen Augen an. „Es wird etwas Großes geschehen, denk an meine Worte. Wir Griechen können und wollen nicht mehr.“ Auf wen er denn besonders wütend sei, frage ich. „Auf alle“, antwortet er, ohne mich anzusehen. „Auf Europa, auf die Regierung und auch auf Deutschland.“ Während wir miteinander reden, gesellt sich ein schlanker Mann mit grauen Haaren und leuchtend blauen Augen zu uns. Es ist Dimitrios, Rechtsanwalt aus Athen. Seit zwei Monaten gehört er zu den 22% Griechen, die derzeit ohne Arbeit sind. Den Sommer verbringt er auf der Insel, hier könne man wild campen, und auch sonst sei das Leben auf Samothraki günstiger als in der Hauptstadt. „Wenn wir nicht mehr in der Euro-Zone sind, wollen wir auch nicht mehr in der EU sein“, sagt er. „Wir brauchen euch nicht, wir werden versuchen, autark zu sein.“
OLYMPUS DIGITAL CAMERA Autarkie, das ist auch das Wort, das Maria verwendet. Sie führt eine Taverne unweit der Gria Vathra Wasserfälle bei Therma. „Wir haben hier alles, was wir brauchen“, sagt Maria, die wie eine Köchin aus dem Bilderbuch wirkt, freundlich und enorm dick. „Immer frisches Wasser aus der Quelle, jede Menge Ziegen, unseren Gemüsegarten, im Winter spielen wir Karten, wir haben uns, wir brauchen sonst nichts.“ An diesem Abend serviert Maria eine frisch geschlachtete Ziege. Samothraki ist bevölkert von Ziegenherden, übervölkert sagen auch einige. Für die Inselflora sind sie eine Katastrophe, sie knabbern alles weg, das am Boden wächst. Seitdem Brüssel vor ein paar Jahren Subventionen für weitere Ziegenherden bewilligt hat, sind es noch mehr geworden, mehr als es die 180 Quadratkilometer große Insel verkraften kann.
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Wer allein sein will, geht an die Kiesstrände. Nur einige wenige sonnen sich hier. Vicki aus Thessaloniki, die im Sommer auf Samothraki kellnert und wie Cindy Crawford aussieht, verbringt ihre Nachmittagspause am Strand. Sie vermisse ihre Kinder, sagt sie. Und dass sie frisch geschieden sei. Der Strand ist perfekt für Kinder, nicht zu hohe Wellen, nicht zu tief am Anfang, das Wasser ist kristallklar.
Einsam ist auch die Wanderung auf den Mondberg, durch jahrhundertealte Wälder. Eintausendsechshundert Meter führt der Weg empor, über Flussbettgeröll, an Platanen und Tamarisken vorbei. Die riesigen, knorrigen Bäume spenden Schatten, der Boden ist dicht mit Laub bedeckt. Es ist unser letzter Tag, und wir sind unterwegs zu den Wasserfällen. Mit Stöcken tasten wir nach Schlangen und springen im Flussbett von Stein zu Stein. Nach wenigen hundert Metern haben wir die Zivilisation hinter uns gelassen. Wir tauchen in den Urwald ein, der wie eine Welt vor tausenden von Jahren wirkt. Und dann sehen wir sie, die Zelte zwischen den Baumstämmen. In den Zweigen hängen Plastiktüten, auf dem Boden liegen Kleider und Flaschen verstreut. Eine Obdachlosensiedlung in idyllischer Umgebung. Die Wasserfälle rauschen in steinerne Becken, ein junges Pärchen badet nackt darin. Ein paar Männer und Frauen liegen auf den heißen Steinen drumherum und blicken in den Himmel. Dort zieht eine Möwe ihre Kreise. So leicht müsste man jetzt sein.

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Paris, 12. Juni 2015
Beim Spazierengehen heute vor einem Kino gesehen: ein Mann, der Passanten frische Gedichte an seinem eigenen Stand verkauft – komplett an Ort und Stelle geschrieben! Ja, manchmal müssen wohl auch Autoren ihren Arbeitsalltag etwas aufpeppen…!
Ich habe den Dichter dann angesprochen, weil ich gern ein solch frisches Produkt erwerben wollte. Leider erklärte er mir etwas mürrisch, er habe jetzt keine Zeit, weil er sich konzentrieren müsse. „Aber nicht auf Kundenakquise, oder?“, habe ich ihn gefragt.
Natürlich nicht wirklich. Solche Dialoge schreibe ich nur in Romanen…

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Embudu / Malediven, 22. Dezember 2014
Ich bin gestern Abend mit einer Wasserschildkröte geschwommen. Die Sonne ging unter, und die Wasserwelt war dunkelblau. Auf einmal war sie da unter mir, die Schildkröte, so gelassen und anmutig und alt. Ich bin hinabgetaucht, um ihren Panzer zu berühren, und dann sind wir still nebeneinander hergeschwommen.
Winterurlaub, Zeit der Besinnung, wieder ein Jahr vorbei, diesmal eines, in dem ich mein Leben auf den Kopf gestellt habe. Die Tage sind Farben: Türkis, Weiß, Ozeanblau, Palmengrün, zum Sonnennuntergang ein leuchtendes Orange, das sich im Himmel an dunkelblaue Streifen drängt. Die Dunkelheit schmeckt nach Margarita und Mai Tai. Es ist eine richtige Urlauberinsel mit eigenen Gesetzen, die uns eine Schweizerin am ersten Abend dargelegt hat: wlan kann man für eine halbe Stunde kaufen, aus der Bibliothek dort kann sich jeder Bücher mitnehmen, die Strömung um die Insel fließt so herum. Eine Parallelgesellschaft, bevölkert von vielen erschöpften Menschen, die wie gestrandet am Wasser liegen. Und von Tauchern, die eine weitere Parallelwelt erkunden, die verborgene, das Meer. Die Tage fließen und strömen, zwölf sind schon dahin.
Und dann geht die Sonne unter, Falterfische gleiten an mir vorbei, ein Hai und so viele andere Meeresbewohner, deren Namen ich noch nicht kenne. Neben mir schwimmt diese Schildkröte, und ich bin einfach nur glücklich, am Leben zu sein.

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Male / Malediven, 19. Dezember 2014
Heute bin ich auf Male, der kleinsten und dichtgedrängtesten Hauptstadt der Welt. Auf einer Fläche von zwei Quadratkilometern leben 93.200 Menschen in bunt gestrichenen Hochhäusern, und es gibt hier alles, was es auch in anderen Hauptstädten gibt: knatternde Mofas, Märkte, eng befahrene Straßen, Restaurants, Schulen und ein Verteidigungsministerium, dessen Gebäude Nachbarstaat Indien spendiert hat – also, das ist doch jetzt wirklich mal kurios! Übrigens sind die Malediven (Staatsreligion Islam) statistisch gesehen das scheidungsfreudigste Land der Welt! Es ist hier aber auch extrem leicht: der scheidungsfreudige Mann muss einfach nur zum Inselchef gehen und dreimal laut rufen: „Ich verstoße dich!“ Was die scheidungsfreudige Frau tun muss, konnte mir bislang noch keiner sagen…
Nun sehne ich mich danach, mit dem Dhoni übers Meer nach Embudu zurückzufahren. Seltsam, wie schnell man Heimatgefühle entwickeln kann: persönliche Habe, ein einigermaßen ritualisierter Tagesablauf und liebe Menschen reichen aus.

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Embudu / Malediven, 15. Dezember 2014
Es ist ein merkwürdiges Gefühl, wieder Unterricht zu nehmen. Ich habe wieder eine beste Freundin in der Klasse und einen Lehrer, der nichts von mir hält. Ich kann ihn nur mit Mühe verstehen, denn er spricht einen Schweizer Dialekt und außerdem nuschelt er stark. Mich brüllt er ziemlich oft an: weil ich zu viel lache, zu weit wegschwimme oder sonstwie den Unterricht störe. Der Mann kann mich aber nicht schrecken, ich bin ja frei und leicht und wahnsinnig glücklich, dass ich meine Angst verloren hab!

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Embudu / Malediven, 14. Dezember 2014
Oh, warum hat mir nie jemand vorher gesagt, dass Tauchen SO glücklich macht!!! Es ist ja die ultimative Verwandlung in einen anderen Seinszustand!!!! Man ist ganz leicht, alles ist leicht und schön! Hatte Herzklopfen bei meiner ersten Stunde, ich wusste nicht, ob ich das tatsächlich könnte, so tief ins Wasser zu gleiten, mich so weit von allem zu entfernen, das ich kenne, meiner Oberflächenwelt. Acht Meter waren es nur, die wir hinabgetaucht sind: eine Fernreise für mich.

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Embudu / Malediven, 13. Dezember 2014
Nun ist es soweit. Bin richtig aufgeregt. In einer Viertelstunde werde ich meine erste Tauchstunde nehmen! Habe gestern beim Schnorcheln schon meinen ersten Hai getroffen. Erstaunlicherweise ist er abgehauen, als er mich sah, aber ich nehme das jetzt mal nicht persönlich…
Noch weiß ich nicht, wie ich mich unter Wasser fühlen werde: ist es ein Gefühl von unendlicher Weite oder im Gegenteil, fühle ich mich dann von den Wassermassen beengt? Mein Erlebnis in den Cenotes von Yucatán steht mir noch lebendig (und unangenehm) vor Augen. Morgen weiß ich mehr…

Fahrräder
Hamburg, 25. September 2014
Wie man auf diesem Foto unschwer erkennen kann, sind Fahrräder in unserem Haus schwer beliebt, insbesondere Rennräder, und auch ich zähle mich zu den glücklichen Besitzerinnen dieser fantastischen Erfindung. Ich habe jetzt wohlweislich dieses Bild ausgesucht und nicht etwa ein Ganzkörperbild, auf dem mein Gipsarm und die Platzwunde am Kopf zu erkennen ist. Die Situation ist unschön, hat aber auch Vorteile. So verbringe ich jetzt meine Tage damit, auf dem Sofa zu liegen und meine Wünsche in den Raum zu rufen. Und ganz viel zu lesen! Unter anderem die Bücher jener Kolleginnen, mit denen ich gemeinsam wohl so eine Art Club bilde (in manchen Rezensionen steht „Mia Sassen: für Freunde von Dora Heldt und Kerstin Gier“). Und so habe ich den gestrigen Tag mit der Lektüre von Kerstin Giers Roman „Für jede Lösung ein Problem“ verbracht. Und damit, so laut zu lachen, dass sich meine radfahrenden Nachbarn vermutlich gewundert haben, wie fröhlich wohl so ein Gipsarm macht. Aber was für eine tolle Idee auch von ihr: Abschiedsbriefe schreiben, auch an Leute, die man überhaupt nicht leiden kann – und die dann abschicken! – aber dann doch nicht sterben! Und jetzt denke ich darüber nach, wem ich in so einem Fall schreiben würde. Und was. Denn es ist ja viel besser, schon zu Lebzeiten absolut ehrlich zu sich und anderen Verkehrsteilnehmern zu sein…!

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Hamburg, 28. Juli 2014
Irgendwie ist es doch so, dass man mit jedem neuen Buch ein neues Leben dazugewinnt, oder? Jeder Roman, ob ich ihn nun lese oder schreibe, eröffnet mir eine vollkommen neue Welt. Sitze gerade auf dem Balkon und schreibe. Es soll wieder eine Abenteuerreise werden, finde ich. Diesmal spielt die Geschichte in Mexiko. Ich aber bin in Hamburg – im Sommer liebe ich diese Stadt!
Euch da draußen, die ihr gerade im Urlaub weilt und selbst Abenteuer erlebt, wünsche ich, dass euch gute Menschen und gute Bücher begleiten! Für alle, die noch nicht wissen, wohin sie in diesem Jahr reisen sollen: auf meiner Facebook-Seite habe ich 10 Lieblingsorte in Europa mit günstigen Hoteladressen, Ausflugstipps und vielen Privatfotos zusammengestellt. Ich wünsche euch viel Spaß damit!

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Paris, 26. Mai 2014
Die Bilder sind so groß, dass sie mich überragen. Ich bin gezwungen, zu ihnen aufzusehen. Und es sind so berührende Fotografien: lachende Freundinnen, halb eingeschäumt in einer Badewanne. Zwei Männer, die ein Baby halten. Frauen unterschiedlicher Hautfarben, die sich festhalten, eine der beiden schwanger mit kugelrundem Bauch. Der französische Künstler Olivier Ciappa hat Prominente gebeten, sich als homosexuelle Paare fotografieren zu lassen, als Botschafter für die gleichgeschlechtliche Ehe. Auf einer meterhohen Stellwand hält Eva Longoria eine blonde Frau im Arm. Die Bilder wurden angegriffen, Olivier Ciappa hat beschlossen, sie nicht wiederherzustellen, sondern ihre Verletzungen zu zeigen. Doch an diesem Abend herrscht eine friedliche Stimmung auf der Place de la République. Menschen gehen im Abendlicht umher, einige von ihnen Arm in Arm. Männer und Frauen küssen sich vor diesen Bildern. An diesem Abend scheint es egal, wer wen liebt. Ich hole mein Handy aus der Tasche und schicke eine Nachricht ab.

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Dubrovnik, 27. April 2014
Da bin ich wieder. Genau 30 Jahre später. Damals bin ich mit einer Freundin und ihrem Fiat Panda durch Kroatien und die umliegenden Länder gebraust, Jugoslawien hieß das, und ich hatte noch keinen Führerschein, aber als wir kurz vor Dubrovnik angehalten wurden, habe ich meinen Personalausweis gezeigt, der grau und zum Umblättern war. Ich habe so getan, als wäre das eine Fahrerlaubnis – bis heute weiß ich nicht warum, aber der Polizist hat mir geglaubt.
Und jetzt will ich wieder los. Habe wieder das Gefühl, dass alles neu wird. Dass ich etwas entdecke: einen neuen Abschnitt, meine zweite Lebenshälfte. Ich hätte nie gedacht, dass man es ab Mitte 40 noch einmal so turbulent haben kann. Und dass es dabei so schön wird! Auch davon handelt mein neuer Roman.

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Tulum in Yucatan, Mexico, 3. Dezember 2013
„Kennst du das Wort Klaustrophobie?“, fragt José, ein Maya-Indianer, kurz bevor es in den dunklen Gang hineingeht. Ha, ob ich das Wort kenne? Ich kenne vor allem den Zustand! Bin damit sozusagen intim vertraut! Mir wird heiß, obwohl das Wasser in der Kalksteinhöhle eiskalt ist, und ich beäuge misstrauisch den Spalt im Fels, durch den ich gleich hindurchschnorcheln soll. Ich hasse das Gefühl, irgendwo eingezwängt zu sein. Und ich mag überhaupt keine Dunkelheit. Alles in mir möchte auf der Stelle umkehren. Aber gleichzeitig möchte ich auch so gerne mutig sein.
In dem Moment, in dem ich in den Gang hineinschwimme, spüre ich, wie mich die Angst überwältigt. Die Stalaktiten hängen so tief, dass ich aufpassen muss, nicht mit dem Kopf daran zu stoßen. Und dann verschwindet das Tageslicht. Ich leuchte mit meiner Lampe nach unten : Mehrere Meter unter mir erkenne ich einen Höhleneingang, hinter dem sich schwarze Schatten bewegen, Taucher in Neopren. Die Passage, durch die mich José führt, wird nun so eng, dass ich mich seitwärts hineinschieben muss. Dass ich durch die Schnorchelmaske meinen eigenen panischen Atem höre, macht die Sache nicht besser. Immer wieder biegt José um eine Ecke, immer wieder geht es in eine neue Tunnelkrümmung hinein. Wenn ich José jetzt aus den Augen verliere, bin ich geliefert. Alleine finde ich hier nie wieder hinaus!
Doch plötzlich habe ich so etwas wie eine Eingebung: es nützt ja gar nichts, mich im Vorwege verrückt zu machen! Ich muss Vertrauen haben zu José, dass er mich nicht abhängt, warum um Himmels Willen sollte er das auch tun? Und vor allem zu mir selbst. Ich bemühe den guten alten Bob-der-Baumeister-Ausspruch: „Wir schaffen das!“ Mein Atem wird ruhiger. Und dann wird der Gang breiter und das Licht kehrt zurück. Wir gelangen in eine wunderschöne Höhle, in der das Wasser funkelnde Punkte an die Wände wirft. Ich hole ganz tief Luft und tauche bis auf den Boden. Dort hole ich mir einen Stein. Den werde ich ab jetzt immer in meiner Nähe haben. Zum Zeichen dafür, dass ich Angst gehabt habe. Aber dass ich meine Angst manchmal auch überwinden kann.

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Istanbul, 25. April 2013
Ich schreibe auf einer Dachterrasse in Europa, und wenn ich den Kopf nach links drehe, sehe ich Asien. Isabel und Viktoria begleiten mich in jeder Minute, die Frauen, von denen mein neuer Roman handelt und denen ich so nah bin wie schon lange keiner Romanfigur mehr. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so dringend das Bedürfnis empfunden habe, eine Geschichte zu erzählen, oder ob es überhaupt jemals so drängend war. Vielleicht, weil die beiden Suchende wie ich sind, oder weil sie trotz aller Probleme so lebenshungrig sind…
Heute bin ich in einer Seitenstraße der Isteklal Caddesi Mittag essen gegangen, der langen Einkaufstraße, die vom Taksim-Platz hinunterführt. Mir gegenüber saß eine junge Frau mit leuchtend roten Haaren, die mir mit ihrem Weinglas zuprostete. Eine Frage meines Freundes Eldad aus Jerusalem kam mir in den Sinn, die Frage, die er immer stellt: „So what´s her story?“ Die Geschichte meiner Tischnachbarin war, dass sie aus Ljubljana stammt, ihren Freund auf einer Geschäftsreise nach Istanbul begleitet, einen Sohn hat und landwirtschaftliche Maschinen verkauft. Sie erwähnte das, falls ich mal einen Traktor benötigen würde. Ich sagte, gerade bräuchte ich keinen, vielen Dank. Ich bestellte mir auch Wein und wir redeten wie Freundinnen, die sich schon lange kennen oder bald überhaupt nicht mehr. Als ich wieder auf die Straße hinaustrat, sah ich, dass mein Agent angerufen hatte. Ich rief ihn zurück, während eine Straßenbahn bimmelte und die Sonne mir in die Augen strahlte. Er sagte, dass ein Verlag an dem Manuskript interessiert sei. Ich fühlte mich schwerelos, als ich wieder zurückwanderte, schwerelos und glücklich, zu meiner Dachterrasse zwischen Europa und Asien.